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Erinnerung an Hering, harte Arbeit und versunkene Zeiten    17.11.2003

Kiel - 32 Jahre sind vergangen, seitdem die Kieler Hochseefischerei untergegangen ist. Wirtschaftlich gesehen, hatte sie keine Zukunft. Geblieben sind die Erinnerungen. Und manchmal erwacht die Flotte wieder zu neuem Leben. Dann, wenn sich die alten Kameraden treffen, wie jetzt, das dritte und bislang größte Treffen der Ehemaligen. Über  80 Mann in einer Kneipe, voll ist es und laut. Viele hatten sich seit Jahrzehnten nicht gesehen. Freude ist in ihren Minen abzulesen, weit ausladend sind manche Armbewegungen: "Mensch Ewald, weißt Du noch?", sagt der eine: "November 54." Keine Frage, Ewald Zoschke, weiß wovon Hans Schekahn spricht. 24 Jahre alt war er damals, Netzmacher an Bord des Fischdampfers "Wellingdorf", der im englischen Kanal auf Heringsfang war. Gemeinsam mit Rudersmann Schekahn, heute 76, hatte er Wache. Zwei, drei Uhr morgens muss es gewesen sein. Kalt war es, Zoschke sollte Kaffee kochen. Da geschah es. "Ein Knall und achterraus eine Riesenfontäne", erzählt Schekahn, Paul Störmer, der damals im Alter von 26 Jahren mit an Bord war, nickt. Auf eine Magnetmine war der Pott vor Terschelling an der niederländischen Küste gelaufen, Funk war nicht an Bord, im Rumpf ein Riesenleck. Das Schiff hatte Schlagseite, die Rettungsboote waren unerreichbar, der Wind fegte mit sieben bis acht über das längst geflutete Deck und Hilfe war nicht in Sicht. Sie machten Feuer an Bord, um auf sich aufmerksam zu machen. Schekahn: "Ich hatte noch eine Flasche Likör, "Flensburger Feuer", und ein paar meiner Lieblingszigarren "Wilhelm II", die haben wir uns erst einmal genehmigt – bevor wir absaufen." Soweit kam es dann doch nicht. Ein Flugzeug hatte das Feuer an Bord entdeckt und die Küstenwache alarmiert, die gegen Mittag die "Wellingdorf" an den Hacken nahm und nach Emden schleppte. 20 Mann an Bord, die aufatmeten. "Mensch, hatten wir ein Glück gehabt", sagt Zoschke am Kneipentisch. Nicken in der Runde.
Hochseefischerei, seit 1948 von Kiel aus betrieben, war ein hartes Brot. Viele haben ihr Leben gelassen, manch einer seine Gesundheit ruiniert. Aber gerade in den 50er Jahren war der Job auf einem der rund 15 Schiffe beliebt "Arbeit war knapp", sagt Schekahn. Die gesamte Mannschaft wurde am Erlös des Fangs beteiligt, und wenn der gut war, konnte der Lohn doppelt so hoch wie an Land ausfallen.
Siegfried Kinsky war 1964 der jüngste Kapitän der westdeutschen Flotte, wie er sagt. 20 Jahre ist er als Kapitän gefahren, darunter auch auf der "Glückstadt". Drei Monate konnte eine Tour dauern, 70, 80 Stunden hätten sie manchmal in der Woche an Bord geschuftet. Alle Mann mussten ran, wenn der Kabeljau, der Rotbarsch oder der Hering in den Netzen hing. Der wurde vor Grönland, Neufundland oder in der irischen See gefangen, so Kinsky. Eisiges Wetter, Stürme, Eisberge und andere Katastrophen, die geben da in allen Erzählungen den Ton an. Manches klingt wie Seemannsgarn, andere Erzählungen offenbaren eine ungewollte Komik – etwa die von der Kollision des Seitenschleppers "Glücksburg" mit der "Bahrenfeld" vor Grönland. Der Kapitän hatte vergessen, "dreimal kurz" zu geben, setzte zurück und schrammte mit der "Bahrenfeld" zusammen. Die "Glücksburg" traf es auf Höhe der Bordtoilette, und da saß gerade der Koch.
Eine Glückstunde war beispielsweise, als die "Glückstadt" in einer Woche 6000 Zentner Hering fing. Über die heutige Berufsfischerei kann Kinsky nur den Kopf schütteln – nein, die hätten gar keine Chance mehr. Und Kapitän Gumz fügt dann hinzu: "Da sind auch wir nicht ganz unschuldig. Wir haben Raubbau mit der Natur getrieben."
Vier Jahre zur See fuhr Horst Dworak (69), heute ist er Orthopädiemeister. "Ich bin rechtzeitig abgesprungen" sagt er. Doch ist er einer der Initiatoren des Treffens. Irgendwie war es doch eine besondere Zeit. Viele Geschichten, die keiner aufgeschrieben hat, die Kameradschaft, der Stress an Bord, der zusammenschweißt, das sind ganz besondere Erinnerungen. Und damit diese Ära nicht ganz versinkt, träumen viele der Ehemaligen, darunter ganz besonders Jörn Rainer Haß, von einem Hochseefischerdenkmal: Dafür sei es Zeit, 32 Jahre nach dem Untergang der Kieler Hochseefischerei.

Von Annemarie Heckmann